Aktiv – is – mus?

Aktiv – is – mus?

Seit wann engagierst du dich?

Seit wann bist du politisch aktiv?

Warum machst du das?

Mein ganzes Leben lang wurden mir diese Fragen gestellt. Es schien mir immer so, als wurde ich das öfter gefragt als meine weißen Schulkameraden. Sei es in der SMV oder im Jugendgemeinderat, die Menschen hatten immer ein Interesse daran, zu verstehen, warum ausgerechnet ich mich so für andere Menschen einsetze, warum ich meine Freizeit damit verbringe, dies zu tun und mich dafür mit anderen Menschen streite.

Zu hören, dass ich von meiner Familie sprach, die mich inspiriert, mehr zu tun für die Gesellschaft als nur für mich selbst, hat ihnen ziemlich gut in ihrem Schubladendenken gepasst. Ein junges Mädchen, dessen Eltern geflüchtet sind und damit es nicht mehr zu Ungerechtigkeiten kommt, für Andere einsteht, hier im sicheren Europa.

Meine Antwort war immer: Meine Familie

Aber nicht aus Gründen, die jemals in ihre schon vorgefertigte Schublade hätten passen können.

Aktivismus hier in Deutschland sieht für mich oft so aus:

Ein (weißes) Individuum, dass aufgrund seines Intellekts oder auch Egos eine Weltbühne betritt und sich und seine „Vorstellungen“, wie unsere Gesellschaft zu laufen hat, präsentiert. Sich im Schein von zu komplex wirkenden Themen hinter großen Wörtern versteckt, umhüllt von alten und bekannten Theorien von alten, weißen europäischen Männern und dies alles tut und „alles“ auf eine Karte setzt, weil es den Weltschmerz nicht mehr aushält und „endlich“ etwas machen muss.

Die drei Grundsäulen dieser von mir beobachteten Bewegung sind:

– Öffentlich präsenter Intellekt
o Durch Wissen von Theorien und Statistiken
o Eine akademische/ gebildete Ausdrucksweise

– Aufmüpfigkeit oder in Kontakt mit den Staatsgewalten
o Proteste und Manifestationen
o Ordnungswidrigkeiten
o Gesprächen mit Politikern, Juristen etc.

Und zu guter Letzt:

– Eine Meinung zu Geschehnissen auf der ganzen Welt
o Den Drang immer wissen zu wollen, was in der Welt vor sich geht
o Immer eine Meinung zu den jeweiligen Punkten haben.

Ich muss zugeben, so denke ich auch sehr oft. Weil es für mich bisher der einzige Weg war, den ich für mich kannte, um wirklich voranzukommen und eventuell etwas zu erreichen.

Plus: Ich hatte bisher das Gefühl verurteilt zu werden, wenn ich nicht so handle.

Aber mir ist etwas aufgefallen…

Ich weiß mittlerweile, warum ich damals von meiner Familie sprach, als ich die Frage beantworten sollte, warum ich mich politisch engagiere.

Endlich sehe und erkenne ich den Aktivismus in den Menschen in meiner Familie, auch wenn sie sich niemals als „Aktivist*innen“ bezeichnen würden.

Das Gefühl von Empowerment inmitten meiner Liebsten aufzuwachsen und zu spüren, wie sie ihr Community unterstützten, indem sie nicht auf der Straße standen und demonstrierten, sondern ihre Gemeinschaft unterstützten, indem sie:

– Kontakte austauschten (Schulamt, Job- und Wohnungsangebote etc.)
– Tipps sammelten wie man in diesem bürokratischen Chaos heil rauskommt und diese mit Anderen teilten. (Wohngeld, Hartz IV, Anmeldung usw.)
– Ein eigenen „Kreditkreis“ aufbauen und finanzielle Hilfe leisten (An alle Eritreer da draußen – Ikub/ዕቑብ ist der Hammer)

Das „kollektive Wissen“ dieser Community wird ausgebaut, um ihren Status vom Überleben in einer Welt, die sie nicht akzeptiert, umzuwandeln zum angenehmen Leben unter der Mehrheitsgesellschaft.

Die wahren Systemwandler leben schon seit Jahrzehnten unter uns, doch rechnen sie sich diese großartige Leistung nicht einmal an.

Sie erkennen nicht wie alle BIPoCs in diesem Land dazu beigetragen haben, allein mit ihrer Präsenz und ihrem Willen auf ein besseres Leben, Deutschland komplett verändert zu haben.

Unsere BIPoC-Community – auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind und eventuell nicht einmal alle (Unter)-Gruppen kennen – hat es geschafft, dieser Gesellschaft ein neues Gesicht zu geben, das nicht weiß und blond ist.

Dies war kein leichter Weg – Meine Hochachtung geht an euch, meine Schwestern und Brüder!

Aber wo stehe ich jetzt?

Ich fühle mich als würde ich zwischen neuen Stühlen stehen – ach was, ich meine Berge!

Während privilegierte weiße Menschen unterscheiden können zwischen ihrer Freizeit und ihrer Aktivismusarbeit und tatsächlich davon Abstand gewinnen können beim Sport machen, in der Schule, beim Daten oder beim Einkauf an der Supermarktkasse, bin ich ständig im Kampfmodus und auf der Hut.

Ich könnte hier und jetzt alle Arten und Weisen aufzählen, wie Racial Stress uns das Leben tagtäglich, auch wenn wir überhaupt gar keine Lust draufhaben, zur Hölle macht. Aber ich will hiermit nur festhalten, dass ich euch sehe und weiß wie anstrengend es ist!

Jeden Tag, den ihr damit verbringt, euch selbst gut zu tun, indem ihr eurer eigens kreierten Community unterstützt oder von mir aus auch mit Politiker*innen euch einen sündhaft teuren Katzen-Kaffee gönnt, ist ein gewonnener Tag, indem ihr wieder der Welt zeigt:

Ich bin so viel mehr als dein scheiß Stereotyp!

Es braucht keine akademischen Worte, keine Aufmüpfigkeiten und keinen Druck an alle und alles gleichzeitig zu denken.

Stattdessen hier einen Vorschlag:

Konzentriert euch darauf, was euch stärkt und macht nur das!

Wir haben genug Stress um uns herum!

Wenn ihr euch empowerd fühlt, dieses fast schon kribbelnde Gefühl von Stärke, dass durch euren ganzen Körper fließt…Woher kommt das?

Ich, zum Beispiel, fühlte mich unendlich empowerd, als ich zum ersten Mal aus einem Friseursalon lief und mich schön gefühlt habe. Ich hatte für mich einen Space, indem ich lernen konnte, meine Haare zu lieben, mich entspannen konnte, bei der Pflege meiner Haare und danach wusste, wie ich selber daheim eine Routine für mich nutzen konnte, damit meine Haare weiterhin gesund bleiben. Noch nie wurde ich so gut behandelt beim Friseur und noch nie hatte so ein Gefühl der Selbstsicherheit und Liebe für mich selber und meine Haare in mir.

Seitdem renne ich diesem Gefühl praktisch hinterher.

Sei es inmitten meiner BIPoC-Freunde und Allys in Passau, in einem empowernden Buch oder in mir selber, wenn ich ganz entspannt meine Haare mache und vor mich her singe.

Ich schaffe mir den Raum, den ich brauche, um mich wohl zu fühlen. Das ist nicht immer einfach!

Aber die Welt, in der ich leben möchte, die ich mitgestalten möchte, ist eine, in der alle sie selbst sein können, ohne sich jemals in Frage zu stellen. In der die Komplexität und Vielschichtigkeit einer Person gefeiert wird. Dass Wissen, seien es Erfahrungsberichte, Erzählungen oder wissenschaftliche Studien, wertgeschätzt und ernst genommen werden. Eine Welt, in der Sprache eine Melodie ist und in den verschiedensten Oktaven, Rhythmen und Klangfarben nebeneinander existieren und ein überrauschendes Orchester an Tönen geben.

Ich gestalte mir eine Sonne für regnerische Tage, an die ich immer wieder denken kann.

Denn genau das haben doch auch unsere Familien getan, sich vorgestellt, in was für einer Welt sie leben wollen und dies dann auch getan, komme was wolle.

Also meinen geliebten Brüdern und Schwestern, wie ihr seht, ist unser alleiniges freies Dasein in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ein Politikum, der größte Mittelfinger gegen das System, somit ist jede Handlung von uns ein politischer Akt.

Warum also sollten wir uns auf den Stress, der damit einhergeht, konzentrieren, wenn wir uns mit unseren Sonnen befassen können. Sei es also die Faust heben auf der Straße bei einer Demonstration oder beim Haare machen, ihr seid aktiv, müsst nichts und könnt alles!

Und auch wenn ihr euch mal wieder so fühlt, als würdet ihr zwischen riesigen Bergen stehen, dann denkt daran, dass man auch im Tal die Aussicht genießen, sich ausruhen oder Steine ins Rollen bringen kann.

Verwandte Beiträge

Leave a comment